TAUCHEN IN DER OSTSEE

UW-Fotos, Dia-Show Ostsee

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Im Urlaub eine Selbstverst√§ndlichkeit; aber zu Hause, wo man doch die meiste Zeit verbringt, ist es eher die Ausnahme, dass vom Schiff aus getaucht wird. Warum eigentlich? Joachim Noack und Jan Wa√ümann haben Informationen √ľber Norddeutschlands Hausgew√§sser, die Ostsee, und √ľber die Tauchschiffe auf der Ostsee zusammengestellt.

Was erwartet den Taucher in der Ostsee? Die Ostsee, als unser einziges betauchbares Meer "vor der Haust√ľr" und das gr√∂√üte Brackwassergebiet der Erde wird von der Tauchszene gerne verkannt. In den Medien allj√§hrlich mindestens einmal f√ľr tot erkl√§rt, bietet sie f√ľr uns Taucher viele interessante Erfahrungen.

Die Lebensräume der Ostsee erschließen sich dem Taucher häufig erst auf den zweiten Blick: Der Sandboden, wie er sich bei Tauchgängen vom Ufer z.B. auf Fehmarn dem Betrachter präsentiert, bietet neben Garnelen, Krabben und selten auch mal Plattfischen, wenig Interessantes. Vielfältiger, wenn auch bei Tauchern nicht so beliebt, zeigt sich das Leben in der Seegraswiese, der "Kinderstube " der Ostsee. In der gut belichteten Tiefe bis 5 Meter kann man auf den Blättern von Zostera marina, dem Seegras, viele der etwa 90 dort ansässigen Arten von Meerestieren sehen. Auffällig ist der ca. 15 cm lange Seestichling (Spinachia spinachia), der sein Nest im Blätterdickicht des Seegrases baut.

H√§ufig begegneten wir auch der Grasnadel (Siphonostoma typhle), die mit ihrer gr√ľnen Farbe perfekt an diesen Lebensraum angepasst ist. Auf den Bl√§ttern sind die durchsichtigen Seescheiden (Ciona intestinalis) zu sehen. Sie strudeln Seewasser durch ihren K√∂rper und filtern dabei die N√§hrstoffe heraus. Meerasseln und kleine Schnecken weiden die Algen auf den Seegrasbl√§ttern ab. In den letzten Jahren kann im Seegras ein immer h√§ufigeres Auftreten von dicken Schleimalgen√ľberz√ľgen beobachtet werden, die den Tieren ihren Lebensraum nehmen und nicht selten das Ende der Tiere bedeutet. Als Taucher und Unterwasser-Fotograf zieht es einen da schon eher zu den Miesmuschelb√§nken (Mytulis edulis), die unterhalb von 5 Meter Tiefe liegen. Diese Pl√§tze lassen sich z. B. auf Fehmarn auch vom Ufer, ohne Boot, gut erreichen. Zwischen den Muscheln leben Fische wie die Aalmutter (Zoarces viviparus), der Steinpicker (Agonus cataphractus), der Butterfisch (Pholis gunnellus) und der Seescorpion (Cottus scorpius). Auch Seesterne (Asterias rubens) sch√ľtzen die Miesmuschel als Nahrung und werden hier h√§ufig angetroffen. Gesunde Miesmuschelkulturen sind durch eine glatte Muschelschale gekennzeichnet, f√ľr die die Miesmuschel eine Art Selbstreinigungs- mechanismus entwickelt hat. Sind die Muscheln geschw√§cht, entwickelt sich auf ihrer harten Schale schnell neues Leben in Form von Schw√§mmen oder Seenelken (Metridium senile). Fallen die N√§hrstoffe im √úberma√ü an, wird der Sauerstoff knapp, sterben die festsitzenden Meerestiere. Nach ihnen breiten sich auf dem Meeresboden Schwefelbakterien aus. Sie bilden ein wei√ües dichtes Geflecht, das auch das "Leichentuch des Meeres" genannt wird, da es keinen Sauerstoff f√ľr andere Lebensformen √ľberl√§sst. Ab ca. 15 Meter Wassertiefe gibt es f√ľr den normalen Taucher nur noch den relativ uninteressanten schlickigen Weichboden. Uninteressant deshalb, weil dort kaum maritimes Leben beobachtet werden kann, obwohl dies der Lebensraum ist, der mit ca. 150 Tierarten die gr√∂√üte Artenvielfalt beheimatet. Leider leben die meisten dieser Tiere jedoch im Schlick, so dass man sie nicht sehen kann.

Der Lebensraum, der uns am meisten interessiert hat, ist daher der sogenannte Hartboden. Dieser kann aus großen Steinen (z.B. vor Fehmarn oder Surendorf) oder - und dem galt unser
größtes Interesse- aus gesunkenen Schiffen bestehen. Hier in größerer Tiefe, so ab 15 Meter, fanden wir trotz alljährlicher Sauerstoffkatastrophen im Hochsommer auf dem Meeresboden der Umgebung, immer noch vergleichsweise vielfältige Lebensformen.

Im freien Wasser auf dem Weg zum Grund hat man je nach Jahreszeit mehr oder weniger h√§ufig Begegnungen mit Quallen. Wer sich davor ekelt, dem sei gesagt, dass nur die nesselnde Haarqualle Probleme bereiten kann. Die in der Ostsee teilweise invasionsartig auftretende Ohrenqualle ist harmlos und man kann ihr, schwebend im Wasser, mit ihren pulsierenden Bewegungen, eine gewisse √Ąsthetik nicht absprechen.

Im Fr√ľhjahr, bei Wassertemperaturen die einen Trockenanzug sinnvoll erscheinen lassen, trafen wir hier den Seehasen (Cyclopterus lumpus), die dreib√§rtelige Seequappe, Aalmuttern (Zoarces viviparus), und den Klippenbarsch (Centolabrus rupestris).

Im Sommer hatten wir an einem Wrack der westlichen Ostsee eine unverge√üliche Begegnung mit einem Schwarm Wittlingen (Merlangius merlangus). Neben Fischen gibt es auf Wracks eine Vielzahl von Kleinlebewesen: Hydrozoenkulturen, kleine wei√üe "Bl√ľmchen" die mit dem Nesselgift ihrer Polypen Plankton fangen, Nacktschnecken, die sich wiederum von den Hydrozoenpolypen ern√§hren, und Seenelken (Metridium senile). Dazwischen laufen gesch√§ftig die Krabben herum.

Neben der biologischen Seite ist bei Wracks auch immer die Geschichte der Schiffe von Interesse. Wann sind sie gesunken? Was f√ľhrte zur Havarie? Woraus bestand die Ladung? Antworten auf diese Fragen kann manchmal der taucherische Besuch der √úberreste bringen.
 

Ostseetauchen vom Schiff zum Seitenanfang

Ostsee-"Neulingen" sei gesagt, dass die Taucherei hier mit K√§lte, manchmal Str√∂mung und oftmals schlechter Sicht und ab einer Wassertiefe von ca. 15 Metern auch Dunkelheit einige Schwierigkeiten bietet, die nicht untersch√§tzt werden sollten. Auch an zweckm√§√üige Kleidung f√ľr den Aufenthalt an Bord sei hier noch einmal ausdr√ľcklich erinnert. Ist es an Land an Sommertagen so richtig mollig warm, auf einem Schiff kann es da schon recht windig und k√ľhl werden. Ein Seeparka wird in diesen F√§llen das Wohlbefinden sehr erh√∂hen, vor allem wenn das Schiff lange Marschwege zu und von den Tauchpl√§tzen hat!

Auf Schiffen, die keine Verpflegung anbieten, ist es angebracht sich etwas f√ľr ein Picknick mitzunehmen. Interessentinnen f√ľr Tauchg√§nge vom Boot in der Ostsee sollten bedenken, dass, sollten sie zur Seekrankheit neigen, eine solche Fahrt zum echten "Horrortrip" werden kann! Hier sei noch 'mal an die bei Seglern so bekannten Mittel wie Scopolaminpflaster, Ingwer oder Akupressurarmb√§nder erinnert.

Ein Tauchgang vom Boot erfordert von allen ein gewisses Ma√ü an Disziplin, angefangen vom p√ľnktlichen Erscheinen auf dem Schiff, der Vollst√§ndigkeit der eigenen Ausr√ľstung, bis zur Ordnung an Bord vor und nach dem Tauchgang. Einige Skipper haben da wohl schon so ihre Erfahrungen - wir erhielten von ihnen mit den Informationsunterlagen, auch einige feste Regeln f√ľr das Verhalten an Bord.

Anf√§nger oder Ostsee-"Neulinge" sollten sich, ohne Scheu bei Problemen an die Schiffsf√ľhrer oder m√∂glicherweise anwesende Tauchlehrer wenden - die Ostsee ist nicht zu vergleichen mit den Malediven oder dem Roten Meer und um einen Baggersee handelt es sich auch nicht. Es¬† haben schon viele der "kernigsten" Taucher einen Ostsee-Tauchgang vom Boot abgebrochen. Blo√ü keinen falschen Ehrgeiz, oft ist es mutiger auch 'mal "nein" zu sagen und nicht zu tauchen.

Erreicht das Schiff den Tauchplatz, wird geankert oder das Schiff setzt die Taucher ab und umkreist die Stelle. Die Taucherleiter sollte vor dem Sprung ins Wasser auf jeden Fall schon an ihrem Platz an der Bordwand sein. Ein letzter Check der Ausr√ľstung an Bord und dann mit einem Sprung hinein ins gr√ľnliche Nass. In der Regel haben die Schiffe Leinen ausliegen, an denen man sicher zur Ankerleine kommt, von der es dann abw√§rts zum Wrack geht. Es folgt dann meistens ein St√ľck Wasserk√∂rper mit schlechter Sicht, in der im Hochsommer die Haarquallen mit denen man Kontakt meiden sollte, durch die Ostsee "segeln". Unterhalb der verschieden breiten Sprungschicht wird es zum einen k√§lter, es erwartet den Taucher aber je nach Jahreszeit, Wassertemperatur, Windrichtung und Tauchplatz eine Sicht zwischen 2 und 15 Metern. Im Winter kann man auch schon mal bis zu 25 Meter weit sehen. Bei sehr gut besuchten Wracks kann die Sicht jedoch schon mal mit der steigenden Zahl der Taucher schlecht werden.

(c) Joachim Noack,  Jan Waßmann  Hamburg im Herbst/Winter 1992
Der Text wurde mit Informationen zu den damals verf√ľbaren Tauchschiffen
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